Weiblichkeit

Was Leben und Lebendigkeit ausmachen, hat mich schon immer beschäftigt. Gerade ergründe ich das weibliche Prinzip,in seinen Unterschieden zum Männlichen, Eros und Logos. Logos, das männliche Prinzip, ist aktiv, planend, denkend. Eros, das weibliche Prinzip, ist passiv, sich hingebend, fühlend.

Auf einem Philosophieseminar bin ich auf folgenden Text gestoßen:
»Stoffwechsel heißt demnach: Ich ernähre mich von dem, was zu meinem Körper wird, und was mein Körper war, atme ich in die Luft aus. Ich bin das Korn auf dem Feld, das für mich starb, und ich sterbe beständig und verwandle mich in das, was Pflanzen einatmen, damit daraus, also aus dem, was mein Körper ist, ihr neuer Körper wird.« Andreas Weber, Lebendigkeit

Letztlich scheint mir das weibliche Prinzip auf dies zusammengefasst werden zu können: das sich hin geben, um neues Leben entstehen zu lassen. Das Männliche zeugt Leben, das Weibliche gibt sich für diesen Prozess hin, und es ist ein Tod, dieses sich zur Verfügung stellen.
Geben, unterstützen, sich hingeben, werden heute gering geschätzt. Typisch weibliche Berufe sind mit schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Gehälter verbunden, aber vor allem mit wenig Anerkennung. Auch in der Einstellung im Alltag wird schnell von »sich opfern« gesprochen, als verwerflicher Akt. Dass Leben und Liebe nicht allein durch Zeugen, Tun, Erschaffen, entstehen, sondern auch unbedingt die Kraft des Geschehenlassens, des Tragen, des sich Hingebens braucht, wird vergessen.
Oft wird zitiert »wenn jeder sich selbst hilft, ist jedem geholfen«, »wenn jeder für sich sorgt ist für alle gesorgt.« Diese Sprüche verdrängen die Tatsache, dass Kinder, Kranke, Behinderte, Senioren, nicht genauso gut für sich selbst sorgen können wie ein Erwachsener Mann in seiner vollen Kraft. Noch wichtiger: NIEMAND – und gerade deswegen ist der Mensch ein soziales Wesen – kann darauf verzichten, von einem sich hingebendes Wesen angenommen zu werden.
Frauen tragen dies heute noch zum größten Teil. Wenn erschöpfte Frauen äußern, sie würden gerne umsorgt, und die Antwort lautet »Du musst besser für dich sorgen«, ist das nicht nur voll daneben. Es ist absolute Ignoranz und Respekt dem Weiblichen und den Gesetzen der Welt gegenüber.
Ein Freund fragt, wie sich das Weibliche zeigen müsste. Das Weibliche ist schön per se. Es muss sich nicht zeigen. Es muss gesehen werden. Und dies leistet nicht das Zusehende, sondern das Schauende. Hingabe zeigt sich nicht, sie stellt sich bereit. Es liegt am Nehmenden, sie zu schätzen. Das reine männliche Prinzip trägt diesen Respekt in sich und ist zu bewusst, um auszunutzen.

Das weibliche Prinzip wartet oft darauf, gesehen, wertgeschätzt und erkannt zu werden. Es ist zu leicht ausnützbar. Und obwohl es wahr ist, dass Frauen auch ihre männliche Qualitäten auch entwickeln sollten, ist es fatal, dass sie dies tun müssen, um sich vor einem übergrifflichen, ausbeutenden männlichen Prinzip zu schützen. Das Männliche sollte dem Weiblichen die Hand reichen, dieses Prinzip ehren. Denn dann sind Frauen in der Lage, ihre männliche Seite aus der Liebe und Ermutigung heraus zu entwickeln, statt aus Furcht oder Selbstschutz.

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