Meine Oma

20101212_147In liebevoller Erinnerung an Oma Elsa

Die kleine Küche in Sendling riecht nach Kindheit, nach dem Apfelstrudel und den Tee von damals, nach dem warmen Ofen und nach Geborgenheit. Nach meiner ureigensten Heimat, ein Geruch, unverwechselbar, aber nicht beschreibbar. Immer wenn ich diese Küche betrete, sehe ich meine Oma vor mir. Dieser Raum existiert nicht ohne sie.

Ich blicke auf den leeren Tisch, das stille Radio und die zugezogenen Gardinen. Einsamkeit wollte sich hier breit machen, als sie hereinkommt. Dünn und klein, in den letzen Jahren immer mehr schrumpfend, aber voller Energie schließt sie die Tür hinter sich.

Ihre kleinen wachen Augen fixieren mich, die Frage stellend„geht es dir auch wirklich gut?“ Sie bewegt sich flink zum Ofen, setzt mit einem raschen Handgriff Wasser auf, der immerwährende Auftakt unserer Gespräche. Die Uhr bewacht uns tickend über der Eckbank. Oma schaut immer wieder hin. Ihr Tee ruht immer genau sechs Minuten.

Ihre Hände sind schon runzelig und knochig, voller Flecken, wenn sie die Kanne bewegen. Das Gesicht ist zerfurcht. Harte gelebte Zeiten wollten es formen; obwohl ihr Herz oft von Schmerz überquoll, blieben doch nur die Lachfalten an ihrem Gesicht hängen, umarmten ihre Augen und ihr Mund.

Bei unserer Umarmungen fühle ich jeden ihrer dünnen Knochen, obwohl ich mich kaum traue, sie zu drücken, so zerbrechlich wirkt sie. Ihre Kleidung, im Zerfall begriffen wie sie selbst, ist ihr unwichtig. Ihr dünner Pullover spiegelt das Blau ihrer Augen wieder. Sie braucht das, was sie von immer kennt und will nichts Neues mehr um sich. Sie hat ihre Schürze an, die auf dem Schoss die Farbe verliert. So viele Enkel und Urenkel sind dort gesessen, jeder hat ein wenig Farbe mitgenommen. Sie ist der Baum, in deren Schatten wir gerne sitzen.

Meine Großmutter ist ein Olivenbaum. Hast du schon mal ein Feld voller Olivenbäume gesehen? Du findest dort keine zwei die sich gleichen. Keine andere Baumart wächst so individuell wie diese. Jeder Olivenbaum hat seine eigene Persönlichkeit. Die Rinde trocken, das Holz hart, und die Äste eigenwillig jede unmögliche Position einnehmend. So ist meine Großmutter.

Sie trägt alle Jahreszeiten in sich: den Frühling in ihrem Lachen, hell und lebendig, die Natur erweckend;  den Sommer in den Augen: sie haben Kinder, Enkel und Urenkel gesehen, die Fülle des Lebens geschaut; den Herbst auf der Haut,  zerbrechlich und vergehend; und den Winter in den Worten. Niemand auf der Welt weiß mehr als sie.

Es gibt Philosophen die sagen, die Welt entwickelt sich nicht aus der Vergangenheit, sondern durch den Sog der Zukunft. Meine Großmutter wurde durch ihre Mutter geboren, aber sie kam durch meinen Ruf auf die Welt. Sie kam für uns Enkel. Sie reicht mir die seelische Nahrung, die meine Eltern mir nicht gaben.

Sie ist anders als meine spanische Oma. Meine spanische Großmutter, seit langem tot, schloss ab und zu ein Abkommen mit dem Teufel. Wohlüberlegte Abkommen, die sie austüftelte, um ein gutes Geschäft abzuschließen. Meine deutsche Oma nicht. Mit dem Alter fing sie an, den Teufel zu zähmen. Nein, zähmen ist nicht das richtige Wort. Sie hielt den Teufel in Schach. Sie blickte ihn wortlos an, mit ihren klaren blauen Augen, die zu Stein gerinnen, und der Teufel hielt inne. Sie war seine Großmutter und Urgroßmutter, sie war in diesem Moment die ganze Reihe seiner weiblichen Ahnen. Er konnte sie nicht anrühren, und so spielten sie manchmal zusammen wie kleine Kinder. „Gott will mich nicht rufen, und der Teufel traut sich nicht, mich zu holen…“, sagt sie manchmal bedauernd.

Oma Elsa steht über die Gerechtigkeit. Dass die Welt so ist, wie sie ist, weiß sie längst. Sie hat es aufgegeben, damit zu hadern. Sie maßt sich an, wie die Welt zu sein, eigen, unparteiisch und ungerecht. Wenn sie dich mag, kannst du ihr Ohr und ihr waches Auge, ihre Tatkraft, ihr Rat und ihre Gebete haben. Wenn nicht, ist sie gnadenlos und unverfroren, bricht Tabus in ihren Reden und entblößt dich, wo auch immer du dich gerade befindest.

Gerade aber läuft sie durch ihre kleine Küche, die Teekanne in der Hand. Diese Kanne aus feinstem Porzellan ist das einzig kostbare, was sie besitzt und benützt. Ihr Schmuck, ein paar Stücke, aus Aquamarin und Silber, liegen in Samt immer darauf wartend, von Enkeln und Urenkeln bestaunt zu werden. Sie werden nie getragen. Sie lächelt mich an, wie zerbrechliches Papier, während sie mir den Tee einschenkt. Mit Zucker, Brot und Käse wird er gereicht. Sie schenkt mir ein kostbares wahres Lächeln. Ich habe Glück: sie liebt mich.

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